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Heiner Renn & Hansjakob
Südkurier, 8.8.2011 (Von Martin Baur)alt

„Ich bin der Urenkel vom Pfarrer Hansjakob"

> Heiner Renn ist von seiner Herkunft überzeugt
> Hagnauer Winzer erzählt eine pikante Geschichte

Hagnau – Für Heiner Renn ist es so sicher wie das Amen in der Kirche: „Ich bin der Urenkel vom Pfarrer Hansjakob." Ein Nachfahre des berühmten katholischen Dichterpfarrers Heinrich Hansjakob. Des Rebellen im Priesterrock, der als Gründer des Hagnauer Winzervereins, des allerersten in Baden, dort Heldenverehrung genießt. „Ich weiß, dass ich mich damit auf sehr glattes Eis begebe", sagt der Öko-Winzer, aber seit ihm klar geworden sei, dass Hans Jakob der bis heute unbekannte Vater seiner Großmutter Theresia Zimmermann sein müsse, sehe er es als seine Aufgabe, das aufzuklären. „Dabei geht es mir auch darum, das verklärte Bild, das man von Hansjakob gerade hier bei uns in Hagnau oft noch hat, durch ein ehrlicheres zu ersetzen, das der Realität entspricht." Beim Blick auf die Lust, wider den Stachel zu löcken, „alefänzig" zu sein, wie das auf alemannisch heißt, könnte der Öko-Winzer durchaus verwandt sein mit Hans Jakob. Mit dem Priester, der als Reminiszenz an Revolutionär Friedrich Hecker und die liberale Idee Zeit seines Lebens einen breitkrempigen Filzhut trug und der wegen Beamtenbeleidigung 1873 sechs Wochen in Radolfzell hinter Gittern saß. Dass Heiner Renn ebenso knorrig sein kann, ein grobgünstiger badischer Lebemann, kein Außenseiter, aber oft weit weg von dem was alle denken, das weiß man im Dorf: Fast 100 Jahre war seine Familie Mitglied in jenem 1881 von Hansjakob gegründeten Winzerverein gewesen, dann trat Heiner Renn vor zwölf Jahren aus. Der erste Ökowinzer am Bodensee war auch der erste Hagnauer Weinbauer, der sich von der altehrwürdigen Genossenschaft löste. Und so mancher Mitbewerber um die Gunst durstiger Kehlen neidet den Renns den Erfolg, den sie sich auf ihrem raffiniert vermarkteten Burgunderhof aus Keller und Brennblase holen. Diese Hintergründe machen Heiner Renns Geschichte umso pikanter, das weiß er. „Wäre ich heute noch im Winzerverein, wäre ich ganz still: heute sage ich: Ihr könnt Euren Hans Jakob behalten." Als massige Bronzeskulptur wacht der berühmte Pfarrer, Heimatdichter, Historiker und Politiker vor dem Rathaus in Hagnau, wo er von 1869 bis 1883 als Gemeindepfarrer wirkte. Das Standbild spiegelt für Heiner Renn jene wirklichkeitsentrückte Sicht, die immer noch in vielen Köpfen fest verankert sei. „Über Generationen hat man geschrieben, er sei der Tollste, der Beste, der Größte – ich sage jetzt: Er war als katholischer Priester auch für menschliche Tragödien verantwortlich und brachte in eine Hagnauer Winzersfamilie Leid."

„Ich weiß, dass ich mich damit auf sehr glattes Eis begebe." (Heiner Renn, 60, zu seiner Enthüllung)
 
Tatsächlich hat sich der Blick auf Hansjakob in den vergangenen 30 Jahren grundlegend gewandelt. Im Jahr 2000 erschien „Heinrich Hans Jakob. Rebell im Priesterrock" (siehe rechts), das inzwischen als Standardwerk gilt. Autor Manfred Hildenbrand ist wissenschaftlicher Leiter des „Museums Freihof", das heute in dem prachtvollen Schwarzwaldhaus untergebracht ist, das sich Hansjakob in seinem Geburtsort Haslach im Kinzigtal als Altersruhesitz baute. Unter der Überschrift „Hans Jakob und die Frauen" schreibt Hildenbrand: „Hier muss man den wundesten und wohl dunkelsten Punkt in Hansjakobs Biografie erwähnen, nämlich die Tatsache, dass der katholische Priester Hansjakob große Probleme mit der Einhaltung des Zölibats hatte. Er (. . . .) verstieß immer wieder gegen den Zölibat und hatte mehrere illegitime Kinder." Diese Sätze las eines Tages auch Heiner Renn, der sich als Hagnauer und Mitglied der Hansjakobgesellschaft schon immer für den Heimatdichter interessiert hatte. „Irgendwann 2003 oder 2004", so genau weiß er das nicht mehr, hatte er sich den „Rebell im Priesterrock" gekauft. „Da ist mir ein Lichtaufgegangen." Nun hatte er den Rahmen, in den er all die Puzzleteile setzen konnte, die in seinem Hinterkopf herumschwirrten. Seine 1854 in Hagnau geborene  Urgroßmutter  Franziska Zimmermann habe damals als „die Hur im Dorf" gegolten, nachdem sie am 7. Oktober 1878 eine uneheliche Tochter zur Welt gebracht hatte. Das Geheimnis, wer der Vater ihrer kleinen Theresia war, nahm sie mit ins Grab. Für Heiner Renn ein Indiz, dass es ihr nur darum gehen konnte, das düstere Geheimnis einer Bettgeschichte mit dem Pfarrer zu bewahren. „Ansonsten hätte sie doch ihrer Tochter spätestens auf dem Sterbebett gesagt, wer ihr Vater ist." Durch das Stigma der ledigen Mutter muss das Leben für Franziska Zimmermann damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Hölle gewesen, wie Heiner Renn von seiner Tante Fanny (1912 bis 2008) weiß. „Meine Tante Fanny hat mir oft erzählt, dass ihre Großmutter,  meine  Urgroßmutter Franziska Zimmermann, zwar im Haushalt ihres Bruders weiter mit leben durfte, wegen der Schande des unehelichen Kindes sei ihr aber verboten gewesen, mit am allgemeinen Tisch zu essen; sie musste immer alleine sitzen."

„Dabei gehe es mir auch darum, das verklärte Bild, das man von Hansjakob gerade hier bei uns in Hagnau oft noch hat, durch ein ehrlicheres´zu ersetzen, das der Realität entspricht." (Heiner Renn)
 
Gleichzeitig aber sei der „Schuler-Beck", der Bäckermeister aus dem Nebenhaus, dem „Löwen", immer ein gerne gesehener Gast bei den Zimmermanns gewesen. „Und da will mir einer erzählen, dieser Schuler-Beck sei der Vater gewesen!" Denn das behaupten viele alteingesessene Hagnauer bis heute. Dass der wohlhabende Bäckermeister dann später seinem angeblichen unehelichen Kind im Nachbarhaus, in dem er ein Leben lang ein und aus gegangen war, nicht einen Gulden vermachte, ist Renn Beweis, dass der niemals der Erzeuger gewesen sein kann. Nur gut 100 Meter musste die 24-jährige Franziska Zimmermann von ihrer Haustüre laufen, bis sie beim Herr Pfarrer im Garten stand. Als sie am 7. Oktober 1878 Theresia gebar, später verheiratete Renn, Mutter von Heiner Renns Vater und seiner Tante Fanny, war Hans Jakob 41 Jahre alt. Und bereits seit fast neun Jahren Hagnauer Dorfpfarrer. „Ich habe natürlich genau recherchiert, ob Hansjakob, der ja viel auf Reisen war, zu der Zeit, in der er etwas mit meiner Urgroßmutter gehabt hat, auch in Hagnau gewesen ist: das passt alles." Und dann ist da noch die besondere Verbindung zum berühmten – und zufällig nachnamensgleichen – Dr. Fritz Zimmermann (1873 bis 1959), dem legendären Chefarzt des Meersburger Krankenhauses, von dem die Forschung heute sicher weiß, dass er ein Hansjakob-Sohn war. „Meine Tante Fanny hat mir erzählt, dass Dr. Zimmermann auch zu ihnen regelmäßig zu Hausbesuchen kam und dann nie ein Honorar verlangt hat." Dass der Dr. Zimmermann von armen Leuten nichts verlangt habe, sei ja bekannt gewesen, habe ihm die Tante Fanny erklärt, „aber wir waren ja nicht arm und trotzdem hat er immer gesagt: das lassen wir mal mit dem bezahlen, ich habe meine Gründe". In ihren letzten Lebensjahren müssen Tante Fanny die Zusammenhänge selbst klar geworden sein. Vielleicht auch durch die Gespräche mit ihrem Neffen Heiner. Ihre letzten Worte an ihn, kurz vor ihrem Tod, vergisst er nie: „Heiner, ich will kein Abkömmling sein von einem katholischen Pfarrer." „Derzeit können Hans Jakob drei Kinder zugeordnet werden, aber es gab mit Sicherheit noch mehr", sagt Manfred Hildenbrand, der Hansjakobfachmann aus Haslach, auf Anfrage dieser Zeitung. „Natürlich ist es möglich, dass es zwischen Herrn Renns Großmutter und Hansjakob eine Verbindung gab, aber ich bin da sehr skeptisch – es gibt keinerlei stichhaltigen Beweise." „Nein, schriftliche Beweise habe ich keine", sagt Heiner Renn. „Aber ich bin mir ganz sicher und ich werde das schon noch beweisen können. Man kennt ja meine Hartnäckigkeit und Konsequenz, wenn ich mich mal in was so richtig verbissen habe – die habe ich von meinem Urgroßvater geerbt, vom Hans Jakob."

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